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Foto: Joshua Rondeau
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Foto:Joshua Rondeau

Einfach ich selbst sein

Hunderttausend Gedanken, komplex und wirr, strömen durch eine Woche. Inmitten dieser Gedankenflut, voll von Selbstbeobachtung und Unsicherheit, erkundet Kirsten die Sehnsucht nach einer vermeintlich spießigen Normalität, die in der Kindheit unerreichbar schien.

Hunderttausendmal. Vielleicht ein bisschen mehr, vielleicht auch ein bisschen weniger. Das ist so ungefähr die Zahl, die mir in den Sinn kommt, wenn ich über die Häufigkeit meiner wirren Gedanken innerhalb einer Woche nachdenke. Viele der Gedanken sind doppelt, dreifach. Aber keiner ist einfach. Sehr kompliziert.

Gut, so schlimm ist es vielleicht gar nicht. Das fällt sicher nur mir so extrem auf, denn wer macht sich schon die Mühe, in meinen wirren Kopf zu schauen? Ich tue das. Leider. Beobachte mich, beurteile, verurteile. Es gibt keinen verdammten Tag, an dem ich nicht überlege, ob ich gerade etwas falsch gemacht habe. Jedes Telefonat, jedes Zusammentreffen, einfach jedes noch so banale Gespräch wird von mir, ob ich nun will oder nicht, systematisch nach Fehlern untersucht. Habe ich etwas zu hart, zu ehrlich, zu unsensibel, zu Unrecht ausgedrückt? Könnte ich jemanden verletzt haben? Habe ich womöglich etwas ausgeplaudert, das ich lieber nicht hätte sagen sollen? Wie das nervt! Klar kenne ich die Sprüche, die Floskeln in- und auswendig: mach dir nicht so einen Kopf, sei doch einfach ganz entspannt. Klar, dann bin ich doch einfach mal ganz entspannt. Kein Problem. Weil ich so ein extrem entspannter Mensch bin, mache ich mir ja so irrsinnige Gedanken, zermartere mir den Kopf über Dinge, die eh keine Sau sieht oder interessiert.

Mein Selbstvertrauen ist ein wenig beschädigt. Nein, falsch, es ist völlig im Arsch. Jetzt mal Hosen runter. Ich bin unsicher. Bei dem, was ich mache, was ich sage, wie ich es mache und wie ich es sage. Ja, und ich träume heimlich davon, auch zu den zu gehören, die einen so eklig ausgeglichenen Eindruck machen und womöglich noch in sich ruhen. Aber so bin ich nicht. Warum will ich das dann? Will ich anders sein?

Als Kind wollte ich eine Familie haben wie in dieser Kaffee-Jacobs-Werbung. Mutti adrett, mit Faltenröckchen, raffinierter Hochsteckfrisur und verkrampftem Grinsen. Die Kinder ebenfalls in feinstem Sonntags-Zwirn. Sie alle und der Vorzeige-Papa, natürlich mit der obligatorischen Zeitung vorm Gesicht, sitzen fröhlich am Frühstückstisch, drumherum blitzt die saubere und aufgeräumte Bude und Mama fragt verzückt in die Runde, was der Tag denn so bringen soll. Ja, so könnte auch ein Gruselfilm beginnen – damals aber war das mein unerfüllter Traum.

Bei uns zu Hause saß man nicht zusammen am Tisch, nicht zum Frühstück und auch nicht zum Abendbrot. Jedenfalls nicht alle zusammen. Meine Mutter hatte keine Faltenröcke und auch keine Hochsteckfrisur. Vielleicht trank sie den falschen Kaffee. Daran wird’s gelegen haben. Mein Vater aber hatte dafür eine Zeitung, immerhin. Aber die las er im Büro, wo er meiner Meinung nach wohnte. Auf seinem Redaktions-Schreibtisch sah es aus wie unserem Wohnzimmer: Stapel von Manuskripten, die alle drohten, sich gegenseitig zu erschlagen. Dass Kinder zu mir nach Hause zum Spielen kommen, wollte ich nicht. Es war mir peinlich. Britta, Silke, Julia – sie alle wohnten in Häusern mit den perfekten Inhalten. Einer Mama, die irgendwie immer was Gesundes auf dem Tisch stehen hatte, einem Papa, der pünktlich um 17 Uhr zu Hause war, einem Meister-Proper-Wohnzimmer (ich war sehr von Werbung gesteuert), einem echten Abendbrottisch mit Fressbrettchen, Mixed Pickles, Wurst, die extra für diesen Anlass aus der Packung genommen und auf einen Teller gelegt wurde. Das hat mir extrem imponiert. Bei uns gab´s ne Stulle auf die Faust, zusammengeklappt, oft vor dem Fernseher. Wenn alle Gut-Mütter um 17:55 Uhr riefen: „Melanie, Anne, Sylvia, Claudia – reinkommen, es gibt Abendbrot!!!!“, habe ich noch eine Stunde weiter im Innenhof Tennisbälle an die Hauswand der Nachbarn gedonnert. Weil aber Melanie und Malte pünktlich um 18:30 Uhr ihre Sams-Geschichte vorgelesen bekamen, um eine halbe Stunde später in ihre perfekt gemachten Bettchen zu schlüpfen, wurde ich allabendlich von ihren Eltern höflich darauf hingewiesen, dass Kinder nun nach Hause gehören.

Nie, niemals möchte ich die Zeit zurückdrehen und in der Haut von Melanie und ihren unwissenden Leidensgenossinnen stecken. Und trotzdem wollte ich damals eine andere sein. Spießig, voller Rituale, klar strukturiert. Aber man hat mich nicht gelassen, ich hatte keine Chance. So wurde ich gezwungen, das Gefühl von Freiheit kennenzulernen, nicht in Schubladen gesteckt zu werden und Dinge nicht nur deshalb zu tun oder nicht zu tun, weil man das so macht.

Danke Mama, danke Papa. Das haben wir nun davon. Hätte es etwas mehr Drill und Mixed Pickles gegeben, würde ich wahrscheinlich gerade über den Kauf eines neuen BMW oder den anstehenden Bausparvertrag nachdenken. Es wäre alles nach Plan gelaufen in meinem Leben, immer nach Plan. Das ist vielleicht nicht sonderlich spannend, aber in den unspannenden Momenten weiß man das ja nicht. Wenn ein Weg geebnet ist, kann man nicht stolpern. Man muss keine Fragen stellen, nichts einstecken, nicht auf die Fresse fallen, hat keine unnötigen Adrenalinschübe. Es läuft halt. Und so wage ich eine unverschämt arrogante und überhebliche Behauptung: Menschen, die nicht viel rumgekommen sind, einem Plan – auch wenn es nicht ihr eigener war – nachgegangen sind, schlichtweg nicht weit über den eignen Tellerrand und die Landesgrenzen hinweggeschaut haben, sind wahrscheinlich glücklicher. Sie haben nicht das Gefühl ständig in diesem großen Ganzen gefangen zu sein, zu wissen, was es alles da draußen gibt. Dieses krasse Gefühl von Sehnsucht. Wer es nicht hat, der ist wohl dort einfach zu Hause, wo er gerade ist. Ohne es zu hinterfragen. Hört sich verdammt gesund an. Mir ist schlecht.

Meine Tochter ist meine Reflektion. Wenn ich einen perfekten deutschen Mutter-Vater-Kind(er)-Abendbrottisch zaubere, beobachte ich sie. Auch sie mag es spießig. Manchmal. Und findet solche Momente irgendwie spannend. Ich auch, denn es ist nach wie vor fremd, für mich, sogar ein bisschen verkleidet. Und lautlos schreit der Fernseher nach mir, will, dass ich Colt Seavers anmache und die Füße auf dem bemalten Wohnzimmertisch platziere. Mein Freund gehört an den perfekten 90-er-Jahre-Tisch. Am liebsten isst er Brot von Holzbrettern – mit Messer und Gabel. Das ist schlimm. Scheint aber besser zu schmecken. Ich finde Holzbretter verdammt widerlich und muss ausschließlich an Bakterien denken, die sich nie wieder aus dem Material entfernen lassen – Tomatensubsche, Stinkekäse und weicher Butter sei Dank.

Noch schlimmer ist, dass ich meine Mutter immer besser zu verstehen glaube. Wahrscheinlich denke ich sogar dasselbe wie sie zu meiner Zeit: Wann sind die endlich im Bett, damit ich mir in Ruhe was Leckeres auf den Teller packen kann, um mich damit entspannt vor die Glotze zu hauen? Wenn ich mich mit Freundinnen treffe, habe ich schon wieder ein schlechtes Gewissen. „Nein, ich trinke nur etwas, habe schon mit den Kindern gegessen“, sagen die dann immer. Ach du Scheiße, wie langweilig, denke ich dann. Und im selben Moment bereue ich zutiefst, dass meine Kinder alleine in ihre Käsestullen beißen mussten – auch wenn sich mir der enorme pädagogische Mehrwert des gemeinsamen Kauens bis heute nicht erschließt. Und kaum tue ich mal das, wonach mir (nicht) ist, schreit mir mein Gewissen auch schon wieder ins Stammhirn. Nützt aber nichts. Zu gerne würde ich wissen, ob diese Gut-Mütter tatsächlich so sind wie sie sind, oder ob sie sich einfach nur in dem dauerhaften Ich-tue-dad-für-Kinder-Wettbewerb befinden. Kann mir ja auch egal sein. Isses aber nicht. Ich sollte mich selbst finden. Dann wüsste ich, wer ich bin, könnte zu dem stehen, was ich tue und sage und ganz konsequent und selbstbewusst sein.

Vor vielen Jahren habe ich mal so einen Selbstfindungstrip gemacht. Wie es sich gehört. Alleine, nach Thailand, klischeehafter ging es damals nicht. Allerdings war Yoga noch nicht so hip, so habe ich die Kohle eher in Drinks und Futter investiert. Ansonsten hatte ich den Sinn solcher Reisen sehr schnell begriffen: Es galt, sich mit anderen, meist Dreatlock-bewaffneten Jünglingen, zu messen, indem man die billigste Unterkunft ergattert hat. Dann konnte man stolz berichten: „Hey, ich habe nur 50 Baht für meine Hütte geblecht!“. Das war zwar ein erbärmlich erhabenes Gefühl, allerdings völlig sinnbefreit, denn eigentlich habe ich mich nach einem schicken Wellness-Tempel gesehnt, in dem es fließendes Wasser, ein europäisches Klo und jede Menge echtes Licht gibt. Da war ich also auf diesem Selbstfindungstrip und habe mich jeden Tag aufs neue selbst verarscht. Herrlich dämlich, ist aber als späte Jugendsünde verziehen. Aber wo, bitteschön, liegt der Sinn im Selbstfindungstripp, wenn man nicht mal dabei man selbst sein kann oder will? Sich nicht zu finden, ist wahrscheinlich der Mittel zum Zweck. Wie das geht, ist mir bis heute schleierhaft. Fakt ist aber, dass ich auf dieser Reise nicht mal Sex hatte – obwohl ich ausnahmsweise als Single und ohne jegliches schlechtes Gewissen unterwegs war. Haben also auch die anderen Menschen um mich herum gespürt, dass ich so gar nicht ich selbst bin? Obwohl – das hätte denen doch scheißegal sein können! Mit 24 Jahren stimmte ja wenigstens die braun gebrannte Hülle noch. Scheiß auf innere Werte. Was habe ich nicht alles getan, um diesen ebenfalls allein reisenden Norweger in mein 1-Euro-Gemach zu bekommen – kiffender Weise phosphoreszierende Glühwürmchen im seichten Wasser durch die Gegend gejagt, seine ziemlich eklig eiternde Fußwunde liebevoll verbunden, so wenig gesprochen wie möglich. Zum Schluss sagte er, dass er nun doch wieder zu seiner Frau mit Kind zurückkehren wolle – das sei ihm auf dieser Reise deutlich geworden. Na herzlichen Glückwunsch!

Am Ende hatte ich es dann wenigstens geschafft, einen Gitarre spielenden Ungarn mit in die Hütte zu locken – leider kam er aus der, dank einer lang anhaltenden Diarrhö, die nächsten vier auch nicht mehr raus. Dann habe ich die Unterkunft gewechselt.

 

 

 

 

Kaffe ist fertig!

Die Verwendung von Pseudonymen in Artikeln bietet einen Schutz für die Hauptpersonen der Geschichten und ermöglicht eine tiefgründige Erzählung. Diese Praxis lenkt die Aufmerksamkeit auf die Handlung und Botschaft der Geschichte anstelle der persönlichen Identität der Beteiligten. Dadurch können wir sensiblere Themen ansprechen und den Geschichtenerzählern Sicherheit geben, ihre Erfahrungen offen zu teilen, ohne negative Auswirkungen befürchten zu müssen. Pseudonyme schaffen Raum für Authentizität und Integrität, wodurch die Geschichten im Mittelpunkt stehen und die Privatsphäre der Erzähler gewahrt wird.

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