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Foto: Christoph Hirsch

Ich, nie wieder allein in New York

Christoph hat es gewagt. Nach seinem Beziehungsende buchte er spontan einen Flug. Allein. Hauptsache weit weg. Hier erzählt er uns, wie es ihm dabei erging und warum Einsamkeit echt kein gutes Gefühl ist.

Also gut, hier stehe ich also. Allein. Inmitten des pulsierenden Dschungels namens New York City. Die Stadt der Träume, der unbegrenzten Möglichkeiten und vor allem der Massen von Menschen, die sich wie Ameisen durch die Straßen schieben. Ich schaue mich um und frage mich: Was zur Hölle habe ich mir dabei gedacht?

Es gibt viele Gründe, warum Menschen gerne alleine reisen. Manche wollen die Freiheit haben, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, ohne Kompromisse einzugehen. Andere suchen nach einer spirituellen Reise, um sich selbst zu finden. Und dann gibt es noch Leute wie mich, die nach einem Beziehungsaus, einen "ich-verpiss-mich-jetzt"-Flug buchen und sich plötzlich in dieser Metropole der Einsamkeit wiederfinden.

Jetzt, da ich hier bin, frage ich mich, warum ich nicht auf die Warnungen meiner Freunde gehört habe. "New York ist ein Ort zum Teilen", haben sie gesagt. "Du wirst dich verlaufen und alleine verhungern", haben sie gewitzelt. Und verdammt, hatten sie recht. Diese Stadt kann einem das Gefühl geben, dass man selbst in einer Menschenmenge auf einer einsamen Insel gestrandet ist.

Es gibt eine ganze Industrie, die sich darauf spezialisiert hat, einsame Reisende mit sozialen Aktivitäten zu locken. Von Gruppen-Touren bis hin zu Speed-Dating-Veranstaltungen für Touristen - alles ist darauf ausgerichtet, die Leere in unseren Herzen zu füllen. Aber wenn ich ehrlich bin, ist das Ganze nur eine Farce. Ein verzweifelter Versuch, uns das Gefühl zu geben, dass wir nicht alleine sind, während wir uns selbst in den Massen verlieren.

Ich beschließe, mich selbst zu finden. Ich spaziere durch die Straßen von Manhattan, vorbei an unzähligen Menschen, die scheinbar alle wissen, wohin sie gehen. Ich fühle mich wie ein verirrtes Schaf in einer Herde von Wölfen. Aber dann fällt mir auf: Warum nicht einfach mitmachen?

Also werfe ich mich in das Getümmel. Ich remple Leute an, als wäre es mein Job. Ich dränge mich in überfüllte U-Bahn-Waggons, als wäre es eine Mutprobe. Ich stelle mich in endlosen Schlangen an, nur um am Ende festzustellen, dass ich in der falschen Schlange stehe. Es ist wie ein Spiel, bei dem ich versuche, mich selbst zu verlieren, um mich selbst zu finden. Ironisch, nicht wahr?

Aber trotz meiner Bemühungen bleibt die Einsamkeit bestehen. In den Menschenmassen fühle ich mich noch isolierter. Die Gesichter verschwimmen zu einem einzigen undefinierbaren Brei, und ich bin mir nicht sicher, ob ich je einen vertrauten Blick erblicken werde. Vielleicht sollte ich einfach ein Schild um den Hals tragen: "Allein in New York, bitte sprich mich an!"

Natürlich gibt es Momente, in denen ich die Einsamkeit vergesse. Wenn ich auf einer Bank im Central Park sitze und die Sonne auf meiner Haut spüre. Oder wenn ich mich in den endlosen Gängen des Metropolitan Museum of Art verliere und von den Meisterwerken vergangener Zeiten fasziniert bin. Diese Augenblicke des Staunens und der Schönheit lassen die Einsamkeit für einen kurzen Moment verblassen.

Aber dann, wenn die Nacht hereinbricht und die Stadt erwacht, wird die Einsamkeit wieder greifbar. Die neonbeleuchteten Straßen und das aufgeregte Treiben um mich herum verstärken nur das Gefühl, dass ich ein einsamer Wanderer in dieser Betonwüste bin. Ich kann den Klängen der Musik aus den Bars lauschen, das Lachen der Menschen hören, aber ich gehöre nicht dazu. Ich bin nur ein stiller Beobachter, der das Spektakel von außen betrachtet.

Die Begegnung mit mir selbst ist nicht immer angenehm. In der Stille meines Hotelzimmers, wenn das Ticken der Uhr die einzige Gesellschaft ist, stellen sich die unangenehmen Fragen. Wer bin ich? Was will ich wirklich? Und vor allem: Warum habe ich mich in diese Situation gebracht? Es ist wie eine intensive Therapiesitzung, bei der ich gezwungen bin, mich mit den unangenehmen Wahrheiten meines Lebens auseinanderzusetzen.

Aber vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum ich hier bin. Vielleicht wollte ich der Einsamkeit begegnen, um mich selbst besser kennenzulernen. Denn in der Einsamkeit gibt es keinen Raum für Ablenkungen, keine Möglichkeit, sich hinter den Erwartungen anderer zu verstecken. Es ist eine Chance, sich mit seinen Ängsten, Unsicherheiten und Träumen auseinanderzusetzen. Und wenn man den Mut findet, sich dieser Einsamkeit zu stellen, kann man gestärkt daraus hervorgehen.

Also ja, es mag keinen Spaß machen, alleine nach New York zu verreisen. Es kann ein Gefühl der Einsamkeit hervorrufen, das einen bis in die Knochen durchdringt. Aber es ist auch eine Gelegenheit, sich selbst auf eine Art und Weise kennenzulernen, wie es sonst selten möglich ist. Die Begegnung mit mir selbst in dieser fremden Stadt mag nicht immer einfach sein, aber sie ist wertvoll. Denn am Ende des Tages ist es nicht die Stadt, die uns erfüllt, sondern die Erkenntnis, dass wir selbst genug sind, um uns in unserer Einsamkeit zu umarmen.

Also stehe ich hier weiterhin allein, mitten in New York City. Die Stadt der Einsamkeit und der Begegnung mit mir selbst. Und vielleicht, nur vielleicht, finde ich am Ende nicht nur mich selbst, sondern auch den Mut, die Welt in meiner eigenen Einsamkeit zu umarmen.

Und falls mich jemand fragt, wie meine Reise war, antworte ich: 

"MEEEEGA! New York ist so eine krasse Stadt, solltest du unbedingt mal allein hin!"

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